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Liebe
Leserinnen und Leser, Manchmal
frage ich mich, ob ich nicht zuviel Zeit mit Nichtigkeiten vergeude und
wichtigen oder schönen Dingen nicht genug Achtsamkeit schenke. Und Sie? In diesem
Sinne entstand die folgende Geschichte! |
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Feddersen und das Blumenmädchen |
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Feddersen lebte ein
ausgesprochen wohl geordnetes Leben. Er lebte nach der Uhr. Er stand jeden
Morgen um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit in sein Büro, aß um
die gleiche Zeit zu Mittag und ging um die gleiche Zeit schlafen. An einem Donnerstag im
November verließ Feddersen sein Büro pünktlich um siebzehn Uhr dreißig. Der Pförtner in der
Empfangshalle sagte: „Pünktlich wie immer, Herr Feddersen.“ „Stimmt genau“, antwortete
Feddersen. „Auf Wiedersehen.“ Nachdem er die üblichen drei
Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg Feddersen in einen Bus der
Linie sechzig. Ein Busfahrer, den er noch nie gesehen hatte, nickte ihm
freundlich zu. Feddersen war verwirrt. Wo war Willy Otremba? Der fuhr doch
immer diesen Bus. „Schöner Abend heute“,
sprach der Busfahrer. „Soll aber noch regnen“,
erwiderte Feddersen. „Dabei hatten wir doch in
letzter Zeit eine ganze Menge Regen“, meinte der Busfahrer. Freundlich nickend ging
Feddersen weiter und setzte sich auf den gleichen Platz wie jeden Abend. Er
dachte nicht mehr an Willy Otremba. Er las seine Zeitung, vom Leitartikel bis
zur letzten Seite. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass etwas nicht stimmte. Er
hatte seine Zeitung noch nie während der Busfahrt zu Ende gelesen. Er sah zum
Fenster hinaus. Alles war ihm fremd. „Fahrer, Fahrer“, schrie er
entsetzt! Sein Schrei vermischte sich mit dem Quietschen der Reifen. „Verdammt“, zischte der
Fahrer. „Jetzt bin ich doch tatsächlich aus purer Routine meine alte Strecke
gefahren! Entschuldigung. Ich bringe Sie gleich an Ihre übliche Haltestelle
zurück.“ Feddersen war beunruhigt.
Sein ganzer Zeitplan war durcheinander. Er würde später zu Abend essen,
schlechter verdauen, später zu Bett gehen und am Morgen würde er sehr müde
sein. Während er darüber nachdachte, sah er sie. Sie stand vor einem
Blumenladen. Sie war nicht sehr groß und etwas rundlich. Sie hatte rotblonde
Haare und witzige Sommersprossen im Gesicht. Ihre Augen und Finger
streichelten jedes einzelne Blatt einer Pflanze, die sie in ihren feinen Händen
hielt! Wie in Trance bat Feddersen den Busfahrer, ihm die Tür zu öffnen. „Aber ich bringe Sie doch an
Ihre übliche Haltestelle.“ „Das brauchen Sie nicht. Ich
laufe.“ Feddersen ging zögerlich auf
den Blumenladen zu. Je näher er kam, desto schneller klopfte sein Herz. Das
war ihm noch nie passiert! War das Liebe? „Guten Morgen“, sagte sie
freundlich. „Hmmhh“, sagte er verlegen
und räusperte sich. Er sah sich die Blumen und Pflanzen an und schielte zu
ihr hinüber. „Kann ich Ihnen helfen?“ Feddersen war überrumpelt.
Er hatte noch nie Blumen gekauft und noch nie einer Frau den Hof gemacht. „Ich... also... ich brauche
eine Blume für... eine bezaubernde Frau.“ „An was hatten Sie denn
gedacht?“, fragte sie mit sanfter Stimme. „Ich weiß nicht. Ich kenne
sie noch nicht lange. Was würde Ihnen denn gefallen?“ Feddersen war etwas
mutiger geworden. „Ich liebe Margeriten“,
erwiderte das Blumenmädchen. Sie fand den schüchternen, verliebten Kunden
sehr nett. „Dann nehme ich einen
kleinen Strauss.“ Er beobachtete sie, wie sie
geschickt sieben Margeriten mit etwas Grünzeug vermischte. Er spürte ihre
Liebe zu den Blumen. „Das macht drei Euro
fünfzig, bitte.“ Er reichte ihr das Geld,
nahm den Strauss und verließ den Laden. Vor der Tür blieb er unschlüssig
stehen. Sekunden verstrichen. Was sollte er tun. Sein Tag war sowieso aus den
Fugen geraten, also konnte es nicht schlimmer werden. Energisch drehte er
sich um und prallte fast mit dem Blumenmädchen zusammen. Ihre Blicke trafen
sich. Er reichte ihr den Strauss Margeriten. „Darf ich Sie am Samstag zum
Abendessen einladen?“ Erwartungsvoll sah er sie an. „Ja.“ Ihre Augen strahlten. „Ich hole Sie um siebzehn
Uhr ab.“ Sie nickte und winkte ihm
wenig später schüchtern zu, als er in den Bus stieg. Nachdem Feddersen an
seiner Haltestelle angekommen war, stieg er aus und ging den gewohnten Weg:
erst die Goethe-Strasse entlang, dann links die Nord-Allee und noch mal links
in die Lindenstrasse bis zu seinem Haus, Lindestrasse 22. Wie gewöhnlich bereitete er
sein Essen vor. Anschließend machte er den Abwasch und ging dann ins
Wohnzimmer, wo er den Fernseher einschaltete. Normalerweise stieg er immer
pünktlich um dreiundzwanzig Uhr in sein Bett. Doch heute zeigte der Wecker
bereits dreiundzwanzig Uhr vierzig. Wen kümmert es,
dachte er, beschwingt von seiner eigenen Flexibilität, schloss seine Augen
und träumte von ihr. ©Monique Feltgen 2008 ! |
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