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Die Zeit läuft

 

 

Verschlafen blinzele ich in Richtung Wecker. Mein Herz pocht schneller. Sechs Uhr vierzig! In sechsundzwanzig Minuten fährt mein Bus. Panikartig renne ich in die Küche. Tatsächlich, auch hier ist es sechs Uhr vierzig; nein, einundvierzig. Noch fünfundzwanzig Minuten.

 

Heute ist Abschlussklausur an der Uni. Wer nicht pünktlich um acht Uhr auf seinem Platz sitzt, hat Pech. Durchgefallen! Meine Eltern bringen mich um, wenn das passiert. Bis jetzt bin ich noch nie durchgefallen; meine Noten sind guter Durchschnitt. Ich sehe meinen Vater bereits mit erhobenem Finger vor mir stehen: ‚Mädchen, Mädchen, ich hab’s dir immer gesagt, bleib bei uns wohnen, alleine kommst du nicht klar.’

 

Jetzt heißt es einfach nur Gas geben. Ich schlüpfe in die gleichen Kleider vom Vortag, richte meinen Kurzhaarschnitt mit etwas Gel her, reiße meine Jacke vom Mantelbrett und haste aus der Wohnung. Es ist sechs Minuten vor sieben. Wenn ich laufe, bin ich in zehn Minuten an der Bushalteschnelle, um sieben Uhr und drei Minuten. Das könnte klappen. Hannes Diehsel ist der Fahrer des Schulbusses, mit dem auch die Studenten der Uni fahren dürfen. Er ist immer pünktlich auf die Minute und war noch keinen Tag krank. Ich laufe was das Zeug hält. Meine Kiplingtasche mit den Unterlagen für die Klausur schlägt gegen mein Bein und schränkt mich ein beim Laufen. Das gibt ganz sicher einen blauen Fleck. Der Griff meiner Laptoptasche schneidet mir in die Finger. Trotz der herbstlichen Temperaturen scheint die Sonne. Sie blendet meine Augen. Ich denke an meine Sonnenbrille. Die liegt zu Hause auf dem Tisch. Schweiß rinnt mir über die Stirn, in die Augen. Das brennt. Ich laufe weiter, immer schneller. Plötzlich denke ich an den Film ‚Lola rennt’. Warum bloß? Ich habe den Film nie gesehen!

 

Aus der Ferne sehe ich meine Oase des Glücks, das Bushäuschen. Aber wo sind die anderen? Pauline, Mathilda, Thomas? Ich kann niemanden sehen. Ob der Bus schon weg ist? Ich laufe schneller. Durch den schweren Laptop kann in momentan nicht auf die Uhr schauen. Das Bushäuschen rückt immer näher. Noch fünfzig Meter, vierzig, dreißig….endlich! Erschöpft sinke ich auf die Bank, knalle meinen Laptop neben mich und schaue auf meine Uhr. Sieben Uhr drei. Meine Uhr hat noch immer mit der aus Hannes Bus übereingestimmt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Bus in genau drei Minuten vor mir steht. Ich halte Ausschau. Nicht mal ein Wagen fährt vorbei. Sieben Uhr sechs. Hannes kommt nicht. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Träume ich? Ich zwicke mich in den Arm.

„Autsch!“ Nein, ich träume nicht. Aber was ist es dann? Wo sind die anderen? Der Schweiß rinnt mittlerweile über meinen ganzen Körper, meine Haare kleben an meinem Gesicht, meine Füße schmerzen. So sitze ich da, denke an die verpatzte Klausur, die Leviten meiner Eltern und frage mich zum wiederholten Mal: wo sind meine Freunde? Warum ist heute niemand an der Bushaltestelle? Habe ich mich im Tag geirrt. Ist vielleicht Sonntag? Ich denke nach. Vorgestern war Samstag. Ich habe den ganzen Tag studiert und bin abends mit einem guten Buch ins Bett. Seit mein Fernseher in Reparatur ist, lese ich wieder viel mehr. Ich frage mich, ob ich ihn überhaupt abholen soll? Am Sonntag, gestern, habe ich mich ebenfalls den ganzen Tag auf die Klausur vorbereitet. Und heute ist Montag.

Ich muss jemanden anrufen. Warum habe ich nicht eher daran gedacht. Nervös krame ich in meiner Tasche nach meinem Handy. Es rutscht mir mehrmals aus den schweißnassen Fingern, bis ich es endlich ans Tageslicht befördere. Ich schalte es ein, drücke vier Mal die sechs. SMILE erscheint auf dem Display. Wer möchte jetzt lachen, denke ich bitter.

Doch dann, mein Atem stoppt. Ich schaue ungläubig auf das Display. Sechs Uhr vierzehn. Mein Blick wechselt vom Handy zur Armbanduhr und wieder zurück, mehrmals. Dann klickt es in meinem Kopf. Ich springe auf, drehe mich im Kreis und lache wie eine Verrückte. Letztes Wochenende war das Letzte im Monat Oktober; und somit das Ende der Sommerzeit!

 

©Monique Feltgen 2008

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